Ethik ist ein großer, einschüchternder Begriff. Er wirkt wie Gerechtigkeit, Freundschaft oder Nachhaltigkeit, so schwer erreichbar, so fern und so unnahbar. Wenn diese Ethik dann noch mit den Worten „Finanz“ oder „Wirtschaft“ kombiniert wird, brechen alle Dämme.
Ich höre oft bei meinen Vorträgen, Consultingeinsätzen oder Buchbesprechungen Aussagen wie „das passt ja überhaupt nicht zusammen“, „keiner dieser Schlipsträger wird verzichten“ oder „die benutzen das doch nur als Feigenblatt“. Wer sind aber „die“ oder was ist „das“? Unsere Demokratie ist nicht ideal, aber die Grundlage von Freiheit. Freiheit heißt aber auch, dass das Wirtschaften der Freiheit unterliegen muss. Und das hat nichts mit Neoliberalismus zu tun. Oder wollen wir lieber die kommunistische Planwirtschaft? Natürlich muss der Staat als Korrektiv wirken, aber eben eher zurückhaltend.
Altruismus und Selbstlosigkeit sind wunderschön, können aber nicht Basis einer Gesellschaftsordnung sein. Die zeigt auch ein Artikel in der Welt, der am 28.10.2010 mit dem Titel „100 Jahre jüdische Kommune“ erschien. Das Credo der Kibbuzbewegung – das Idealbild einer nicht materialistischen Wertegemeinschaft - war jahrzehntelang, dass es kein Privateigentum geben sollte. Die Häuser der Siedlungen gehörten allen, gegessen wurde gemeinsam im Speisesaal, und das von der Gemeinschaft zugewiesene wenige Taschengeld gab man in Form von Gutscheinen im kibbuzeigenen Tante-Emma-Laden aus. Gearbeitet wurde durchschnittlich nur 20 Stunden die Woche, der israelische Staat subventionierte die Agrarerzeugnisse lange sehr hoch, damit es bei aller Bescheidenheit reichte. Aber seit Jahren setzt nun ein schleichender Prozess der Veränderung ein. Die Bewohner der Kibbuzim sehnen sich nach ihrer eigenen Küche im Haus, Urlaub, einem Auto oder auch einem eigenen Haus, das man vererben kann. So das Zitat aus der Welt. Was zeigt aber dieses Beispiel? Gemeinnützigkeit braucht auch ein starkes Gegengewicht. Wenn der israelische Staat dieses soziale Experiment nicht aus Steuergeldern von wirtschaftsorientierten Israelis finanziert hätte, wäre wahrscheinlich kein 100-jähriges Bestehen möglich gewesen.
Werfen wir einen Blick auf die deutschen Sozialprojekte. Der Staat ruft immer nach den starken Schultern, die weitere Steuererhöhungen tragen können. Und viele deutsche Stiftungen konnten von wohlhabenden Stiftern gegründet werden, weil diese geschäftlich erfolgreich waren. Wirtschaftlicher Erfolg schließt also Ethik nicht aus. Natürlich gibt es Fälle – und zwar viel zu viele –, bei denen Vermögen und Reichtum durch Betrug, Schädigung anderer und pure Gier angehäuft wurden. Aber in den heutigen Zeiten kann diesem Phänomen entgegengewirkt werden. Wenn in Tunesien und Ägypten derzeit Menschen in der Lage sind, sich von Potentaten und Diktatoren unter der andauernden Angst des Verlusts ihres eigenen Lebens zu befreien, wird es uns in Europa doch möglich sein, Firmen mit ethischem, sozialem und ökologischem Gewissen durch unser Kaufverhalten zu unterstützen. Das Regulativ in einer sozialen Marktwirtschaft ist der ökonomische Erfolg. Wenn eine Firma Billigprodukte anbieten kann auf Grund von Kinderarbeit, sollten wir dort nicht mehr einkaufen. Und wenn eine Bank schlecht und anlegerschädlich berät, ziehen wir unser Geld dort ab. Es gibt immer eine qualitativ bessere Alternative. Doch wir müssen konsequent handeln und dem Unternehmen zeigen, dass uns ethischer Umgang mit Kunden und Mitarbeitern wichtig ist. Gesunder Menschenverstand – englisch „common sense“ – bewirkt langfristig diese Veränderung. Dies verstehe ich unter gelebter, pragmatischer oder auch sinnvestiver Finanzethik. Damit es aber nicht nur beim Reden bleibt, habe ich gehandelt:
Der Businessclub „United Common Sense“ soll institutionellen Investoren, semiprofessionellen Anlegern und Privatanlegern die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen über gute nachhaltige Geldanlage intensiv auszutauschen und Fachliches zu diskutieren. Der „vereinigte gesunde Menschenverstand“ kann dann zu einer Marktmacht werden. Die Mitgliedschaft bleibt vertraulich und kann in der Gründungsphase auf Antrag, später jedoch nur noch auf Empfehlung von Clubmitgliedern erfolgen. Veranstaltungen finden immer im persönlichen und nicht öffentlichen Rahmen statt.
Verbunden wird dies mit dem intensiven und mentorenorientierten Engagement des Clubs in der Förderung von finanzwirtschaftlicher Bildung in Schulen, Universitäten sowie bei Young Professionals. Dazu wird in Kürze ein Wettbewerb ausgelobt für zielführende Diplom- und Promotionsarbeiten zu diesem Thema sowie eine Summer School 2012 zum Thema nachhaltige Geldanlage und Finanzethik vorbereitet. Ziel ist es, eine Think Tank zu diesem Thema zu etablieren.
Mehr dazu unter: http://www.unitedcommonsense.de/

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